Sticken: der Wunsch die Umgebung zu schmücken und sich selbst gut zu kleiden

Handwerk der Textilverarbeitung

Ein Tuch mit verschiedenen gestickten Ecken für zwei Sonntage

Die ersten Stickarbeiten

Der Beginn des Stickens liegt mindestens um 5000 v. Chr. Verschiedene Quellen legen nahe, dass man die Wurzeln im Osten suchen muss. Bis zum heutigen Tag sind gestickte Muster auf den Sarkophagen der Pharaonen erhalten. Die alten Völker stellten Kleidung aus Flachs und Wolle her. Zu der Zeit wurden grob und mit unregelmäßigen Stichen bestickte Umhänge getragen. In China und Indien wurde Kleidung mit Seidenfäden verziert, mit Perlen und Edelsteinen. In der Vergangenheit war prunkvoll geschmückte Kleidung ein Symbol für Macht und Reichtum.

Zunächst wurden die Muster voneinander kopiert, später gab es Bücher mit Stickmustern. 1527 wurde das erste Büchlein mit Stickmustern gedruckt, in dem pflanzliche Motive überwogen.

Geschmückt wurden Sachen, die für die Litauer besondere Bedeutung hatten

Nach Auffassung von Historikern datieren die ersten Quellen, die das Sticken in Litauen erwähnen aus dem 16. Jh. In einem Brief eines französischen Reisenden wird eine ihm vom Fürsten Vytautas geschenkte Kopfbedeckung erwähnt, die mit gestickten Mustern geschmückt ist. Man ist der Meinung, dass unsere Ahnen nur Gegenstände und Kleidungsstücke mit Stickereien verzierten, die von besonderer Bedeutung waren und eher nicht im Alltag verwendet wurden, sondern in der Kirche oder bei Ritualen.

Auf dem Dorf wurde zunächst mit Leinengarn aus eigener Produktion und später mit gekauften Garnen aus Baumwolle oder Seide gestickt. Zum Ende des 19. Jh. begann man in Südostlitauen damit, die Ärmel und Kragen der Hemden mit schwarzen und roten Fäden zu besticken, zumeist mit pflanzlichen Motiven oder geometrischen Ornamenten. Die Frauen in den Regionen Dzukija und Suvalkija trugen dunkle Schürzen, die mit verschiedenfarbigen, glänzenden Stickereien geschmückt waren. Im Memelland trugen die Frauen Gürteltaschen, die mit gestickten Vogel- und Pflanzenmotiven reichlich geschmückt waren.

Das Handwerk wurde immer weiter vervollkommnet

Im Verlaufe der Zeit entwickelte sich die Kunst des Stickens auch in Litauen. Einfluss darauf hatte sicher der Wunsch der Handwerker, etwas Neues und Ungewöhnliches zu kreieren. So entstand das Sticken auf Bändern, Zöpfen und Ketten. Meistens dominierten pflanzliche Motive: Blumen, Blätter, Beeren, Früchte. Verschiedene Stoffe und Stickgarne aus Wolle, Leinen, Seide und Baumwolle kamen zur Anwendung. Die Stickerinnen kannten viele Techniken, die auch heute noch Anwendung finden. Am meisten verbreitet waren Plattstich, Gobelinstickerei, Nadelmalerei, Kreuzstiche und Schlingstiche.

Früher spannen die Frauen selbst sehr dünne Garne, besonders aus Flachs, die zum Sticken geeignet waren. Oft wurden diese aus zwei oder drei Fäden verdrillt, gewaschen und gebleicht. Nach jeder Wäsche wurde eine solche noch weißer, glänzender und schöner. Mit dem Aufkommen der Baumwollgarne wurden diese zum Verzieren von Handarbeiten aus Leinen oder Baumwolle verwendet.

Sticken von Hand – ein Zeichen für Luxus und Qualität

Sticken war besonders verbreitet an den Gutshöfen und in Klöstern. Ab dem 19. Jh. wurde Sticken gewissermaßen ein Hobby der adligen Damen und der Städterinnen. Mit Stickereien wurden Kleidungsstücke, Stoffe, liturgische Textilien (Flaggen, Baldachine, Messgewänder), Tischdecken, Wandbekleidung, Vorhänge und Schürzen verziert. Dunkle Unterröcke wurden am unteren Rand mit pflanzlichen Ornamenten bestickt. Weiße Baumwollunterröcke wurden im unteren Bereich mit weißen Lochstickereien verziert. In der gleichen Technik, aber feiner ausgeführt, wurden weiße Kopftücher aus Baumwolle verziert. Oft wurden dabei mit verschiedenen Mustern die jeweils gegenüberliegenden Ecken des Tuchs bestickt. So konnte man abwechselnd das Tuch so tragen, dass entweder das eine oder das andere Muster zu sehen war.

In der ersten Hälfte des 20. Jh. wurde Sticken in Handarbeitskursen in Gymnasien und bei speziellen Kursen gelehrt. Dieses Handwerk war bis nach dem 2. Weltkriegen in den Haushalten weit verbreitet. Viele Litauerinnen konnten es auch noch bis zum Ende des 20. Jh. Mit der fortschreitenden Modernisierung verblasste das Interesse an Stickereien und die Stickerei beschränkt sich jetzt auf die Modebranche und Textilindustrie.

Sticken von Hand gilt heutzutage als Zeichen von Luxus und Qualität. Manche einflussreiche Modelabel setzen auch auf Stickereien bei der Kreation ihrer Mode. Derzeit gibt es in Litauen 17 zertifizierte Stickerinnen.

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