Dachdeckerhandwerk: gegen Regen, Wind und Kälte

Holzhandwerk

Sobald die Zimmerleute die Dachsparren errichtet hatten und der Richtkranz befestigt war, war es an der Zeit für die Dachdecker, in Aktion zu treten.

Schilfdach: eine der älteren Varianten des Dachs in der Welt

Jede Kultur in den verschiedensten Ecken der Welt trachtete danach, die Gebäude, in denen sie selbst wohnten, wo das Vieh stand oder wo Lebensmittel aufbewahrt wurden, abzudecken unter Verwendung der Materialien, die die Natur in der Region bereitstellte. Als gesonderter Beruf gab es den Dachdecker zunächst natürlich nicht.

Vor Jahrtausenden begann die Tradition des Dachdeckens in den ältesten Zivilisationen in Ostasien und Afrika mit Schilf. Mit diesem Material wurden Gebäude bedeckt. In ausreichend dicker Schicht ist ein Reetdach regenfest, ein gewisser Schutz gegen Wind und ein sehr guter Schutz vor praller Sonne. Reetdächer wurden wegen des guten Klimas und langer Haltbarkeit geschätzt. Später und in manchen Regionen zusammen mit Schilf wurden Dächer auch aus Lehm gefertigt, wenigstens in sehr trockenen Regionen. Ab den letzten Jahrhunderten vor der Zeitrechnung wurden Dächer mit gebrannten Ziegeln gedeckt. Archäologen behaupten, dass Ziegeldächer über 100 Jahre halten.

Von Roggenstroh bis zum Dachziegel

In Litauen wurden Dächer auf dem Land bis zum 20. Jahrhundert vor allem aus Roggenstroh gedeckt. Wo ausreichend vorhanden, etwa am Kurischen Haff, war Schilf natürlich die bessere Wahl. Später kamen Holzschindeln auf, zunächst gespaltene, später auch gesägte. Roggenstroh für das Dach wurde früher geerntet und vorsichtig ausgedroschen. Nach dem ersten Weltkrieg wurden immer mehr Dächer mit Holzschindeln gedeckt.

Mit dem Aufkommen von Mauerwerk aus Ziegeln wurden auch speziell für Dächer angefertigte Materialien verwendet, behauene Steine, Kupfer- oder Zinnschindeln und gebrannte Dachziegel. Dachziegel verbreiteten sich in Litauen vermutlich zusammen mit dem Bau von Burgen, Schlössern und Kirchen aus Ziegeln im 12. bis 14. Jahrhundert. Zu Beginn des 20. Jh. wurden Dachziegel bereits industriell hergestellt.

Die Dachdeckermeister reisten von Dorf zu Dorf

Das Dach aus Stroh oder Schindeln wurde vom Dachdecker gedeckt, den es in jedem Dorf gab. Zumeist wurden sie einfach als Meister bezeichnet. Bessere Meister, die sorgfältiger arbeiteten waren auch über ihr eigenes Dorf hinaus gefragt und fuhren von Dorf zu Dorf. Als Dachdecker arbeiteten in Litauen meist Bauern, die kaum Land hatten und so auf Zusatzeinkommen aus dem Handwerk angewiesen waren.

Das Dach wurde von unten links anfangend mit Stroh oder Reet gedeckt. Eine Reihe Stroh wurde mit einer Holzstange fest gepresst, indem diese mit Ruten aus Weiden oder Ahlkirsche an die Dachlatten gebunden wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg kam dafür meistens Draht zur Verwendung. Das Stroh wurde dann mit einer speziellen, geriffelten Holzkelle glatt gestrichen. Die Dachdecker arbeiteten meistens im Sitzen auf einem Sitz, der in die Dachlattung eingehängt war. Die Gehilfen waren dafür zuständig, die Bündel aus Stroh oder Schilf hochzubringen. Ein Reetdach ist lange haltbar, man rechnet, dass es etwa 50 Jahre hält.

Dächer aus Holzschindeln ersetzten Strohdächer, da sie länger hielten und nicht so schnell in Brand geraten konnten. Schindeln wurden meistens aus Zitterpappel gespalten, da getrocknete Zitterpappel extrem fest ist. In Oberlitauen nutzte man auch Erlen und in Dzukija Fichte und Kiefer. Ein gut gedecktes Schindeldach kann 30 Jahre halten, in Einzelfällen sogar bis zu 50 Jahren.

Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wurden Schindeln manuell mit einem Hebelmechanismus gespalten, später mit speziellen Maschinen, die mit Pferden betrieben wurden, schließlich mit Maschinen, die per Dampfmaschine, Verbrennungsmotor oder Elektromotor angetrieben waren.

Derzeit haben Dächer, die mit Reet oder Holzschindeln gedeckt sind, eine Renaissance. In Litauen gibt es 10 zertifizierte Dachdecker, die Dächer mit Schilf, Stroh oder Holzschindeln decken.

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