Die Sutartinės: Die Beziehung zwischen Wort, Musik und Tanz

Die litauischen polyphonen Lieder – die sogenannten Sutartinės – sind ein einzigartiges Phänomen der litauischen traditionellen Musik, geboren vor der Taufe Litauens und weit verbreitet im Nordosten Oberlitauens.

Teil des repräsentativen immateriellen Kulturerbes der Menschheit

Die Sutartinės (der Name entstammt dem Verb „sutarti“, was „zustimmen“ oder „harmonieren“ bedeutet) sind ein Phänomen der litauischen traditionellen Musik. Es handelt sich um eine sehr alte Form der Polyphonie, die noch vor der Taufe Litauens im 14. Jh. entstanden ist. Das gemeinsame Bestreben, miteinander harmonisch und einvernehmlich zu sein, hat den Ursprung dieser Lieder bestimmt. Ein charakteristisches Merkmal aller Sutartinės ist das gleichzeitige Erklingen verschiedener Melodien und Texte. Sutartinės sind eine Art der synkretistischen (Verschmelzung, Verbindung von Elementen verschiedener Religionen) Kunst, der die Verbindung zwischen Wort, Musik und Tanz widerspiegelt.

Die litauischen polyphonen Lieder wurden am 16. November 2010 vom Zwischenstaatlichen Komitee zum Schutz des immateriellen Kulturerbes in die UNESCO-Liste des repräsentativen immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Viele Möglichkeiten der Darbietung

Entsprechend der Anzahl der Sänger und der Art der Polyphonie, werden die Sutartinės in drei Hauptgruppen aufgeteilt: Zweier, Dreier und Vierer. Jede von ihnen hat unendlich viele Variationen. Es wurden 40 verschiedene Möglichkeiten der Darbietung festgestellt. Die Zweier- und Vierer-Sutartinės ähneln sich darin, dass paarweise zwei verschiedene Melodien und Texte gleichzeitig gesungen werden, während bei der Dreier-Variante jede Sängerin im Kanon der Reihe nach einstimmt.

Viele Sutartinės werden von einfachen Tanzbewegungen begleitet – Bewegung im Kreis, Paar gegen Paar, an den Händen gefasst, von Zeit zu Zeit gefaltet, von Zeit zu Zeit mit rhythmischem Einsatz der Beine. Die Sutartinės werden hauptsächlich von Frauen gesungen, während die Instrumentalwerke auf Pfeifen, Flöten, Hörnern, Zithern und anderen Instrumenten von Männern gespielt werden. Sutartinės werden auf traditionellen Pfeifen oder Flöten und auf fünfseitigen Zithern gespielt. Den Gesang und das Spiel der Sutartinės vereinen ein scharfer Klang, ein synkopischer (ein rhythmischer Akzent, der nicht mit dem Grundakzent des Takts übereinstimmt) und sich ständig wiederholender Rhythmus.

Das besondere Merkmal litauischer Sutartinės ist die Kombination von Sekunden- und Dissonanzintervallen. Diese Klänge gelten in der europäischen Musiktheorie als paradox.

Zu neuem Leben erweckt

In den Texten der Sutartinės gibt es eine Fülle archaischer Refrains (sich wiederholende Teile eines Liedes oder Gedichts) sowie Lautworte, zu deren Bedeutung sich heute nur noch Vermutungen anstellen lassen. Die Hauptthemen der Sutartinės sind Arbeit (Roggen- und Flachsernte, usw.), Kalenderfeste (Ostern, Fasching, u.a.), Hochzeit, Geschichte oder Familie.

In der Mitte des 20. Jh. brach die Tradition des Gruppengesangs auf dem Lande ab, aber in den 70er-Jahren wurden die Sutartinės zu neuem Leben erweckt und blieben in verschiedenen Formen bis heute bestehen. Die Sutartinės sind nicht nur bei Folklorefestivals, sondern auch bei Konzerten zeitgenössischer Musik zu hören, da ihr Prinzip bei litauischen Komponisten der Gegenwart beliebt ist.

Bedeutung für Nation, Gemeinschaft und Individuum

Aufgrund der Auswirkungen der Globalisierung, der Einigungspolitik und der mangelnden Wertschätzung für die Bedeutung des immateriellen Kulturerbes verschwinden viele seiner Formen. Um diesen Prozess zu stoppen, hat die UNESCO im Oktober 2003 das Übereinkommen zum Schutz des immateriellen Kulturerbes verabschiedet. Alle zwei Jahre versammeln sich die Vertragsstaaten zur Generalversammlung, um verschiedene Fragen der Politik des immateriellen Kulturerbes und der internationalen Unterstützung zu erörtern. Litauen ratifizierte dieses Übereinkommen am 8. Dezember 2004 und verpflichtete sich, sein Erbe als wichtigen Bestandteil der Nation, der Gemeinschaft und des Individuums zu schützen.

Litauen hat am 14. Dezember 2017 ein Kompendium von zehn Werten des immateriellen Kulturerbes veröffentlicht. Es enthält auch die litauischen polyphonen Sutartinės. Der Datenverwalter des Kompendiums ist das Kulturministerium der Republik Litauen, verwaltet wird es vom Nationalen Kulturzentrum Litauens.

Quellen

Financed by the European Regional Development Fund