Lieder- und Tanzfeste in den Baltischen Staaten: Weltweit gibt es kein Äquivalent

Das Liederfest ist ein nationales Kulturphänomen und ein kontinuierlicher, zielgerichteter kreativer Prozess, der in seinem Geist den alten griechischen Olympischen Spielen ähnelt.

Teil des repräsentativen immateriellen Kulturerbes der Menschheit

Die Tradition der Liederfeste gelangte aus Mittelwesteuropa über die skandinavischen Länder in die Baltischen Staaten und hat sich in diesen Ländern bis heute als äußerst wertvolles kulturelles und soziales Phänomen ohne Äquivalent weltweit erhalten.

Die zur Tradition gewordenen Liederfeste in Litauen fördern die Vitalität der nationalen Kultur, die Liebe und Solidarität zur Heimat und den künstlerischen Ausdruck des Menschen. Das Fest bringt verschiedene Generationen zusammen und hilft, ethische Werte zu entwickeln.

Am 7. November 2003 hat die UNESCO die Tradition und Symbolik der estnischen, lettischen und litauischen Lieder- und Tanzfeste als Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Kulturerbes der Menschheit anerkannt. Im Jahr 2008 wurde diese Tradition Teil des repräsentativen immateriellen Kulturerbes der Menschheit.

Ausdruck der nationalen Identität in der Geschichte

Bereits seit dem Ende des 18. Jh. waren die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen durch ein ähnliches Schicksal verbunden. Im 19. Jh., in der Zeit der nationalen Wiederbelebung, gewannen ethnische Kultur und Volkslieder in den Baltischen Staaten massiv an Bedeutung. Die Massenbewegung der Lieder- und Tanzfeste wurde zu einem der wichtigsten Mittel zur Entwicklung der nationalen Identität und förderte das Gefühl der Einheit zwischen den drei Baltischen Staaten – zunächst infolge der Trennung vom Russischen Reich und nach dem Zweiten Weltkrieg von der Sowjetunion.

Die Wiederbelebung der Tradition der Lieder- und Tanzfeste am Ende des 20. Jh. spielte eine bedeutende Rolle bei der Wiederherstellung der Unabhängigkeit dieser Länder. Kulturell ist die nationale Tradition der Lieder- und Tanzfeste ein Ausdruck der nationalen Identität, die auf der Massenbewegung von Kunstliebhabern (Choristen, Tänzern und Musikern) beruht. Das Lieder- und Tanzfest pflegte von Anfang an die Idee des Strebens nach Staatlichkeit und förderte das Kennenlernen der eigenen Kultur.

Entwicklung zu einer großen Veranstaltung

Die Tradition dieses Festes besteht in Litauen seit fast hundert Jahren. Der erste Liedertag fand 1924 in Kaunas statt. Im Laufe der Zeit hat sich die Tradition des Festes in Litauen von einer eintägigen Veranstaltung, die von ausgewählten Choraufführungen dominiert wurde, zu einem sechstägigen Festival mit mehr als zehn Konzerten und anderen Veranstaltungen etabliert und erweitert.

Seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit Litauens im Jahr 1990 lädt das nationale Lieder- und Tanzfest alle vier Jahre Künstlergruppen diverser Bereiche aus Litauen und anderen Ländern zu großen Veranstaltungen nach Vilnius ein. Über 40.000 Teilnehmer nehmen an dem Fest teil.

Alle drei Baltischen Staaten kümmern sich

Um den staatlichen Schutz, die Kontinuität und die Weiterentwicklung der Traditionen des Liederfestes zu gewährleisten, wurde in Litauen das Gesetz der Republik Litauen über die Liederfeste verabschiedet. Dieses Gesetz regelt auch das Vorbereitungsverfahren, die Zuständigkeit der Organe und legt die Finanzierungsgrundsätze fest.

Das Litauische Nationale Kulturzentrum ist verantwortlich für die Erhaltung und Förderung der Tradition des Lieder- und Tanzfestes in Litauen. In Lettland übernimmt diese Rolle das Lettische Volkskunstzentrum und der Liederfestfonds, in Estland der Estnische Fonds für Lieder- und Tanzfeste.

Experten der Lieder- und Tanzfeste aus den Baltischen Staaten besuchen auch die Feste der Nachbarländer und halten gemeinsame Treffen ab. Das baltische Komitee für den Schutz und die Entwicklung der Traditionen der Lieder- und Tanzfeste ist verantwortlich für die Organisation von Expertentreffen und den Informationsaustausch.

Quellen

Financed by the European Regional Development Fund