Die Kreuzmacherei und die Symbolik der Kreuze: Respekt vor der Religion und der Natur

Kreuze und Kapellen mit verschiedenen Skulpturen sind seit alten Zeiten fester Bestandteil der litauischen Landschaft. Im 19. Jh. gab es sie in den Dörfern, auf fast jedem Gehöft, auf Friedhöfen, Kirchhöfen, am Straßenrand, sogar auf den Feldern und in den Wäldern.

Teil des repräsentativen immateriellen Kulturerbes der Menschheit

Seit dem 15. Jahrhundert bauten die Litauer Kreuze, um toten Angehörigen zu gedenken, während sie gleichzeitig den Geistern Respekt zollten, auf ihre Gnade hofften, danken wollten oder Schutz und spirituellen Frieden suchten. Diese Denkmäler sind Ausdruck des Respekts vor Religion und Natur.

2001 gesellten sich die litauische Kreuzmacherei und die Symbolik der Kreuze zu den Meisterwerken des mündlichen und immateriellen Menschheitserbes der UNESCO. Es ist ein Meisterwerk ohne Analogie auf der Welt, das nicht nur Zeuge einer lebendigen Tradition ist, sondern sich auch durch einen einzigartigen kulturellen Ausdruck auszeichnet.

Ende 2008 wurde diese Tradition in die Liste des repräsentativen immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen, die darauf abzielt, das Bewusstsein zu schärfen, die Bedeutung des immateriellen Kulturerbes hervorzuheben, den interkulturellen Dialog zu fördern und die kulturelle Vielfalt zu respektieren.

Ein Phänomen der Volkskultur

Die Kreuzmacherei ist eine Tradition der Kunst, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die enorme Zahl der Kreuze und ihre Vielfalt erlaubten es uns, die ethnografischen Grenzen Litauens zu definieren.

Traditionelle litauische Kreuze sind einzigartige Bauwerke mit Elementen aus Architektur, Bildhauerei, Schmiedekunst und sogar primitiver Malerei.

Die litauische Kreuzschnitzerei ist ein synkretistisches (Anm. D. Autors – Verschmelzung, Verbindung verschiedener religiöser Elemente) Phänomen der litauischen Volkskultur. In seiner Konzeption liegt die ganze Geschichte des traditionellen Denkmals: die Idee, die Wahl des Ortes und des Meisters, der Schaffensprozess, die Errichtung des Kreuzes, die Heiligung, die Visitation und schließlich das Verbrennen des baufälligen Kreuzes und dessen Austausch gegen ein neues.

Litauen ist ein Land der Kreuze

Die Tradition des Aufstellens von Kreuzen in Litauen wurde mit der Ausbreitung des Christentums geboren. Die Geschichte der Kreuzmacherei steht hier jedoch auch mit verschiedenen Verboten im Zusammenhang. Nach dem Aufstand von 1863 wurde es durch einen Erlass des Zaren verboten, Kreuze an ungeheiligten Orten, d.h. außerhalb von Friedhöfen und Kirchhöfen, zu errichten und zu reparieren. Und die sowjetische Besatzung hätte die Entwicklung der Kreuzmacherei beinahe zerstört. Es war nicht nur verboten, neue Kreuze zu errichten, sondern es wurden auch die meisten der bereits errichteten Kreuze zerstört.

Aber auch während der Besatzung blieb die Kreuzmacherei insgeheim erhalten, und diese Denkmäler etablierten sich als Symbol der nationalen Identität und des Widerstands. In der Zeit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit wurden einige der alten Kreuze restauriert und neue zum Gedenken an die Deportierten und die Partisanen errichtet. Auf den Friedhöfen werden Denkmäler aus Holz zunehmend durch Grabsteine ersetzt. Es werden immer noch Ensembles von Volksdenkmälern geschaffen, deren Thematik von christlich bis heidnisch oder weltlich reicht.

Der weltweit bekannte Berg der Kreuze (Bezirk Šiauliai) zeichnet sich durch eine Fülle von Kreuzen aus. Seit dem 19. Jh. haben Pilger, Menschen, die mit Gebeten und Bitten gekommen sind, Künstler und talentierte Handwerker hier ihre Kreuze aufgestellt und stellen sie immer noch auf. Der einzigartige Berg der Kreuze, der in den düsteren Sowjetzeiten dreimal zerstört, aber jedes Mal wieder aufgebaut wurde, ähnelt heutzutage der Klagemauer in Jerusalem.

Besonderheiten von Kreuzen verschiedener ethnografischer Regionen

Die hölzernen Volksdenkmäler jeder litauischen ethnografischen Region weisen Besonderheiten auf. Beispielsweise ist nur in der Dzūkija eine besondere Silhouette des Kreuzes zu finden. Sie hat die Form eines auf dem Kopf stehenden Dreiecks: Es wird aus den gekreuzten Folterwerkzeugen Christi – Speer und Langaxt – und einem Balken geformt. Die Oberlitauer umflechten die Kreuzkonstruktion mit einer Vielzahl geschnitzter pflanzlicher und geometrischer Ornamente, meistens Hohlschnitte, zwischen denen kleine Skulpturen entstehen. Eine Besonderheit Oberlitauens ist das reich verzierte drei- oder mitunter vierstöckige Dachkreuz, das gemeinhin Dachsäule (lit. stogastulpis) genannt wird. Variationen der alten einstöckigen Dachsäule sind auch in anderen Regionen zu sehen. In der Suvalkija nahm die Entwicklung der Kreuzmacherei einen etwas anderen Verlauf als im Rest Litauens. In der Struktur des Kreuzdekors fallen hier Pflanzenmotive und markante hohe Sockel auf. Die Form und Größe der niederlitauischen (samogitischen) Kreuze variiert, aber dort werden hohe, massive Bauwerke mit zurückhaltender Gestaltung bevorzugt.

Erhaltung und Weitergabe an zukünftige Generationen

Wenn vom Schutz der Kreuzdenkmäler gesprochen wird, denkt man üblicherweise an die alten Kreuze, Kapellen und Gebetsäulen, die bis heute erhalten sind. Sie müssen nicht nur vor zerstörerischem Niederschlag, sondern auch vor Diebstahl geschützt werden. Der Schutz vor der Witterung geschieht ständig, d.h. durch Neulackieren, Restaurierung und durch das Anfertigen exakter Kopien, wenn eine Kopie an der Stelle des alten Kreuzes platziert und das Original verwahrt und in einen geschlossenen Museumsraum verbracht wird.

Die Konvention zum Schutz des immateriellen Kulturerbes verpflichtet die Mitgliedstaaten, die Gemeinden dazu anzuregen, das immaterielle Kulturerbe zu schützen und an künftige Generationen weiterzugeben.

Quellen

Financed by the European Regional Development Fund