Spinnhandwerk: das Spinnen mit einem geschenkten Rocken galt als stillschweigende Zustimmung zur Heirat

Handwerk der Textilverarbeitung

Früher hatten die Leute auf dem Dorf selbst Schafe, Flachs und Hanf und an langen Herbst- und Winterabenden wurde selbst gesponnen. Es gab den Brauch, einem Mädchen, das einem gefiel, einen kunstvoll geschnitzten Spinnrocken zu schenken. Wenn das Geschenk angenommen wurde und beim Spinnen Verwendung fand, wurde dies als stillschweigende Zustimmung zur Heirat angesehen.

Die älteste Weise: Spinnen durch Drehen mit den Fingern

Der Mensch konnte schon in der Steinzeit Fasern zu Garn verspinnen, im 10.-12. Jahrtausend vor Christus. Das älteste Spinnverfahren ist das verdrillen der Flachsfasern mit den Fingern. So spannen viele Völker der Welt. Im 5. Jahrtausend vor Christus begann die Verwendung der Handspindel, eines sich verjüngenden runden Holzstabs, der mit einem Spinnwirtel aus Ton, Bernstein oder Stein als Schwungmasse beschwert war und als Fallspindel verwendet wurde. Zunächst musste man aus den Fasern einig herausziehen von Hand zum Faden verdrillen und dann an der Spindel befestigen.

Im China der Westlichen Han-Dynastie (206 v. Chr. – 25 n. Chr.) setzte ein unbekannter Erfinder die Spindel auf eine Achse mit einem von Hand gedrehten Antriebsrad. So entstand das Spinnrad.

Nach Europa kam das Spinnrad erst im 13. Jahrhundert. Diese wurden zunächst auch von Hand gedreht. Erst etwa 250 Jahre später, so nimmt man an, wurde der Antrieb mit dem Fuße über Pedale in England konstruiert.

Unbekannt, wann das Spinnrad nach Litauen kam

In Litauen war bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts die Handspindel aus Holz das wichtigste Spinnwerkzeug, bevor es schnell vom Spinnrad verdrängt wurde. Wann die ersten Spinnräder nach Litauen kamen ist ungewiss. Die Litauer in Ostpreußen spannen nach Aussagen von Christian Donelaitis seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit Spinnrädern. Am meisten versponnen wurde Schafwolle und Fasern von Flachs und Hanf.

Man geht davon aus, dass die ersten Spinnräder aus Deutschland nach Litauen kamen. Manche Güter hatten welche bereits im 16. und 17. Jahrhundert und ab dem 18. Jahrhundert wurden sie auch von den Leibeigenen verwendet. Ein Spinnrad war zunächst eine seltene und teure Angelegenheit und daher selbst im 19. Jh. nicht für alle Bauern erschwinglich. Die wenig bis mittelmäßig wohlhabenden Bauernfamilien verfügten meist über ein Spinnrad, manche Frauen spannen auch noch mit der Handspindel. Im Osten und Südosten von Litauen kamen Spinnräder noch später auf, erst um die Jahrhundertwende zum 20. Jh.

Von der Handspindel zur Garnfabrik

Meistens spannen die Frauen im Winter, wenn es in der Landwirtschaft weniger Arbeit gab. Neben Frondiensten für den Gutsherrn wurde auch für die Familie gesponnen. Bis zum Ende des 19. Jh., mancherorts sogar bis in die erste Hälfte des 20. Jh. versammelten sich die Frauen des Dorfes zum gemeinsamen Spinnen und Plaudern. Einerseits stand man im Wettbewerb beim Spinnen, andererseits erzählte man Vorfälle und Geschichten, sang und bewirtet sich. Zu Beginn des 20. Jh. verspannen Bäuerinnen mitunter auch gegen Bezahlung oder im Tausch Wolle oder Flachs von Städtern. Später kamen spezialisierte Handwerker auf, die mit Maschinen spannen.

Das Spinnen in Manufakturen setzte im 18. Jh. ein. Die erste solche Manufaktur begründete Graf Tyzenhaus in Gruzdziai (später in Grodno). Im 19. Jh. wurden Garne in Manufakturen bei mehreren Gütern gesponnen, zu Beginn des 20. Jh. in der Wollstofffabrik in Juodupe und anderen kleineren Unternehmen. Eigene Spinnereien betrieben die meisten in der ersten Hälfte des 20. Jh. gegründeten Webereien für Wolle oder Leinen. In der zweiten Hälfte des 20. Jh. entstanden große Spinnereien und Webereien in Vilnius, Panevėžys, Kaunas, Alytus und Marijampolė.

Derzeit gibt es in Litauen 10 zertifizierte Spinner, die zumeist Wolle Flachs, Hanf und Brennnessel verspinnen.

Financed by the European Regional Development Fund