Schusterhandwerk: Wandel der Stile bei gleichbleibender Technik

Lederhandwerk

Die Traditionen des Schusterhandwerks reichen bis in die Antike zurück. Dieses Handwerk entstand aus dem Bedarf heraus, die Füße vor verschiedensten Umwelteinflüssen zu schützen. Auch wenn Stile Material im Verlauf der Jahrhunderte sich wandelten, blieben die wesentlichen Herstellungstechniken doch identisch. Die Herstellung von Schuhen in Handarbeit nach Auftrag ist ein langer und komplizierter Prozess. Daher wird solches Schuhwerk heutzutage sehr geschätzt und teuer bezahlt.

Schuster und Holzschuhmacher

Das Schuhmacherhandwerk entwickelte sich bei den antiken Griechen und Römern. Einen besonderen Entwicklungssprung gab es nach dem Ende des ersten Jahrtausends als Städte entstanden. Manche Schuster beschränkten sich auf das Reparieren von Schuhen und stellten selbst keine her. Man unterschied auch Schuhmacher, die in städtischen Zünften zusammengeschlossen waren von freien, umherziehenden oder auf dem Land tätigen Schustern.

Schuster wurden häufig auch mit der aus dem Polnischen entlehnten Berufsbezeichnung šiaučius benannt. Meistens arbeiteten sie allein und fertigten Schuhe auf Bestellung. In den Städten gab es auch größere Werkstätten mit mehr Personal. Wenn man das Handwerk erlernen wollte, musste man mindesten ein Jahr bei einem Meister in die Lehre gehen. Meistens wurde das Handwerk aber innerhalb der Familie weitergegeben, vom Vater auf den Sohn.

Das Schuhwerk war verschieden und umfasste Stiefel, Sandalen, Holzschuhe, Bundschuhe, Schlupfschuhe, Bastschuhe. Das Material, das verwendet wurde, war auch vielfältig und reichte von Leder und Fell über Holz, Kautschuk, Bast bis hin zu Tuch.

Das älteste litauische Schuhwerk

Von den frühesten Zeiten her bestand das alltäglich Schuhwerk der litauischen Männer und Frauen aus Bastschuhen, Bundschuhen und Holzschuhen. Bastschuhe und Bundschuhe gab es in ganz Litauen, aus Fäden statt Bast geflochtene Schuhe gab es in Dzukija, Holzschuhe vor allem in Niederlitauen und dem westlichen Memelland. Bauern trugen bei der täglichen Arbeit dazu meist Fußlappen oder gestrickte Wollsocken.

Bastschuhe wurden aus dem Bast von Weide oder Linde gefertigt. An den Seiten wurden Schlaufen angebracht, durch die man runde Stöckchen steckte, die Sohlen wurden möglichst verstärkt, damit sie länger halten. Bundschuhe wurden aus einem Stück Leder gefertigt, deren Ränder mit Löchern versehen wurde, durch welche dieses Leder mit kräftigen Schnüren um den Fuß gebunden wurde. Zudem wurden die Füße auch mit Fußlappen umwickelt und erst dann in den Bundschuh gesteckt, wobei die Fußlappen mit den Schnüren um die Wade umwunden und dadurch festgebunden wurden. Unter dem Namen Čempė gab es dem Bastschuh ähnliches Schuhwerk, das aber aus dick gesponnenen Lein-, Hanf- oder Wollschnüren gehäkelt wurde, wobei die Sohlen mit Leder oder Tuch überzogen wurde. Klumpen sind Schuhe mit Holzsohlen und Oberteil aus Leder. Für diese Schuh nahm man leichtes, weiches, nicht reißendes Holz (Zitterpappel, Birke, Linde). Eiche, Esche oder Apfel war wegen des hohen Gewichts nicht geeignet.

Lederschuhe in Litauen

Das älteste in Litauen gefundene lederne Schuhwerk stammt aus dem Grabfeld Plinkaigalis (Kreis Kėdainiai) und wird auf Mitte des 1. Jahrtausends datiert. Dabei handelt es sich um Schaftstiefel, die mit Riemen und Schnalle zugeschnürt wurden. Bei archäologischen Grabungen findet man oft Schnallen, Quasten oder Spiralen, die einst das Schuhwerk schmückten. Reichere Männer trugen eine Zeit lang eiserne oder bronzene Sporen zum Reiten. Die ärmere Bevölkerung begnügte sich mit Bundschuhen oder Bastschuhen.

In den Zeiten von Gediminas hatte Litauen bereits engere Beziehungen zu anderen europäischen Ländern, Modetrends beim Schuhwerk kamen auch hierher. Ab dem 14. Jh. findet man in der Kultur der Städte und Gutshöfe verschiedenes Schuhwerk aus Leder: Halbschuhe, Schnürschuhe, Stiefel. Zu dieser Zeit wurden die Schuhe vielerorts schon von professionellen Handwerkern, die über Werkstätten und spezielles Werkzeug, Leisten, Ahlen, Ledermesser, angefertigt. Das wird bezeugt durch Ausgrabungen im einstigen Memel, wo in der Schusterstraße eine Schusterwerkstatt des ausgehenden 15. und 16. Jahrhundert untersucht wurde. In Vilnius wurde auf dem Territorium des Herrscherpalasts ein Schatz mit Werkzeugen der Gerber aus dem 15. Jh. gefunden. Und 1522 waren die Schuster in Vilnius bereits in einer Zunft zusammengeschlossen. Für das 16. und 17. Jahrhundert kann man also davon ausgehen, dass der Hochadel und die wohlhabenden Städter in Bezug auf Schönheit und Qualität der Schuhe von echten Fachleuten bedient wurden.

Schuhmode aus Frankreich

Im 18. und 19. Jahrhundert übte Frankreich den größten Einfluss auf die Mode aus. Der beginnende Modernisierungsprozess erreichte alle Bereiche des Lebens, es gab immer mehr Neuheiten. Später wurde die Chemieindustrie wichtig, mit ihr kamen viele neue synthetische Materialien wie Kunststoffe, Kunstseide, Viskose.

In Folge der Modetendenzen in Westeuropa änderte sich auch die Mode in Litauen. Besonders die Form, Silhouette, Materialien und Verarbeitung der Damenschuhe veränderte sich. Bereits zum Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich hochhackige Schuhe durchgesetzt. Solche trugen selbst Bauersfrauen zu ihrer guten Kleidung. Neben Lederschuhen verbreiteten sich auch leichte Textilschuhe, die häufig aus Atlas oder Seide genäht wurden und für die Nutzung in Räumlichkeiten bestimmt waren. Häufig verziert mit Rosen oder Lilien, mitunter mit Federn, verschließbar mit Kordel oder mit schmucken Schnallen. Schuhe für den Winter waren mit Fell ausgeschlagen.

Heute werden Menschen mit einem besonderen Stil geschätzt

Früher war dieses Handwerk durchaus einträglich. Aufgrund der Massenherstellung von Schuhen gibt es immer weniger Kunden für sie. Heutzutage werden Schuhe in Handarbeit nur noch von bestimmten Berufen nachgefragt, etwa von Tänzern, oder aber von stilbewussten Personen, die sich das leisten können. Derzeit gibt es in Litauen 6 zertifizierte Schuhmacher.

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