Scherenschnitte: Relikt der Volkskultur und der Weltsicht

Kunsthandwerk

Das Ausschneiden von Figuren aus Papier ist in Litauen seit dem 16. Jh. bekannt. Mit dem Ausschneiden von Motiven aus der Folklore und der Natur wird dem Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt Ausdruck gegeben.

Nur wenig frühe Arbeiten sind erhalten

Das Ausschneiden von Papier hat als Handwerk eine lange Tradition in China und Japan, in den Ländern, wo es Papier am frühesten gab. Seidenmaler verwendeten in ihrer Kunst aus Papier ausgeschnittene Schablonen. Später verbreitete sich diese technische Methode in andere Länder und etablierte sich mancherorts als eigenständige Kunstrichtung.

Papier ist jedoch nicht sehr haltbar, sodass auch nur wenige alte Schnitte erhalten sind. Nach Europa gelangte das Paier im Mittelalter auf der Seidenstraße über Indien, Persien, die Türkei. Auf Schiffen erreichte es Spanien, Portugal und Holland. Nach Litauen kam diese Kunst über Polen.

Bei vielen Völkern wurden Scherenschnitte zur Ausschmückung der Wohnung verwendet. Für viele Völker war dabei ein Motiv in den Scherenschnitten von besonderer Wichtigkeit, der Baum des Lebens.

Aus dem Wunsch schöner zu leben

Der Beginn der Scherenschnitte in Litauen wird im 16. Jh. gesehen. Zu diesem Zeitpunkt gab es alte Stempel, die, so meint man, von den Behörden, Gütern und Klöstern selbst geschnitten wurden. In der ersten Hälfte des 19. Jh. gelangten Scherenschnitt auch in bäuerliche Behausungen und wurden zu einer normalen Sache. Mit Beginn der Sowjetherrschaft und der Unterdrückung jeglicher volkstümlicher Ausdrucksformen verlor der Scherenschnitt seine Bedeutung und geriet in Vergessenheit.

Scherenschnitte wurden in Litauen als Schmuck der Wohnung verwendet. In den Städten konnten die Frauen ihre Wohnung mit Klöppelarbeiten, Gestricktem oder gewebten Tischdecken schmücken. Auf dem Land waren die Leute ärmer, wobei man auch hier schön leben wollte. Deswegen nutzte man hier Scherenschnitte aus Papier. Es wurden sogar Gardinen ausgeschnitten: rechtwinklige, die oben am Fenster angehängt wurden, oder dreieckige mit gezähnten Rändern. Mitunter wurden auch städtische Gardinen, die zusammengebunden waren, imitiert, die sogenannten Pfauenschwänze.

Zudem wurden Deckchen zur Verschönerung von Regalen ausgeschnitten, die Bilder der Heiligen mit Scherenschnitten verziert und in die Rahmen der Bilder noch farbige Blumen gesteckt. Aus Scherenschnitten wurden auch Lampenschirme gefertigt oder Untersetzer für Blumentöpfe.

Auch einige Gebrauchsgegenstände im Haushalt wurden als Scherenschnitte gefertigt, z.B. Servietten für Kuchenteller oder Scherenschnitte zur Schmuck des Backofens an Feiertagen. Selbst Särge wurden mit Scherenschnitten ausgeschmückt. Spezielle Scherenschnitte mit Silhouetten von Vögeln, Pferden, Äpfeln, Ähren wurden zu Hochzeiten angefertigt, um die Sitzplätze der Brautleute zu schmücken.

Widerspiegelt die Volkskultur

Scherenschnitte wurden meistens von Frauen angefertigt. Dazu bedurfte es keiner großen Vorbereitung, alles was man braucht, ist eine Schere und eventuelle eine spezielle Klinge. Die Schnitte wurden meistens aus dem Kopf ad hoc erstellt und man versuchte, nicht das gleiche Muster zu wiederholen. Erfahrene Scherenschnitter hatten schon fertige Zeichnungen von den Ideen. Manchmal schnitt man auch mit einer Messerklinge, solche Scherenschnitte wurden mehr geschätzt, da man hierfür zeichnen können musste. Das machten aber mehr Männer.

Zur Verwendung kam sowohl weißes als auch farbiges Papier. Farbige oder schwarzes Papier wurde eher als Hintergrund genutzt. Ärmere Leute fertigten Scherenschnitte auch aus Zeitungspapier. In den Städten gab es eher weniger Scherenschnitte, die man indessen auf dem Markt kaufen konnte.

Die Themen der Scherenschnitte sind sehr vielfältig und reichen von Naturmotiven über Rocken, Keramikornamente bis hin zu Engeln. Jeder Schnitter hatte seinen Stil. Einige hatten eher volkstümliche Motive, andere bevorzugten komplexere Sujets und wieder andere Arbeiten erinnerten an Grafiken. Die Mehrzahl der Scherenschnitte steht jedoch in irgendeinem Bezug zu den traditionellen volkstümlichen Motiven. Da wären Tulpen, Vögel und vor allem der Lebensbaum, die von den Ursprüngen der Scherenschnitte im Land bis heute erhalten sind. Bevorzugt werde dabei erdige Farben wie bräunlich, gelb, grünlich.

Heutzutage in Litauen immer noch populär

Alle Scherenschnitte kann man in drei Gruppe unterteilen: symmetrische, asymmetrische und gemischte. Außerdem können die Scherenschnitte positiv oder negativ (gespiegelt) sein, die man herstellt, indem man das Papier mehrfach faltet.

Scherenschnitte sind heutzutage in Litauen immer noch verbreitet mit einer Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten: Postkarten, Einladungen, Buchillustrationen, Fenstervorhänge, Girlanden. Neben den traditionellen Scherenschnitten der angewandten Kunst hat sich in den letzten drei Jahrzehnten eine Stilrichtung der bildenden Kunst herausgebildet, die sich auf Scherenschnitte zur Ausschmückung der Innenaustattung konzentriert. Im modernen Scherenschnitt-Handwerk in Litauen dominieren neue künstlerische Ausdrucksformen und auch das Experimentieren mit neuen Techniken. In Litauen gibt es derzeit 19 zertifizierte Scherenschnitt-Handwerker.

Financed by the European Regional Development Fund