Weberhandwerk: früher notwendig und heute immer noch lebendig

Handwerk der Textilverarbeitung

Eines der Handwerke, die besonders vervollkommnet wurden, und das heute der Beleibtheit nach auf Rang 2 in Litauen steht, ist das Weben. Dabei handelt es sich um das herstellen von Stoffen aus Fäden, die in vielfältiger Weise auf dem Webstuhl rechtwinklig zueinander verwebt werden.

Für Kleidung und für den Haushalt

Die Anfänge des Webens reichen bis ins Neolithikum zurück, als aus Tierwolle und verschiedenen Pflanzenfasern gewebt wurde. Die früheste Webtechnik war das sogenannte Brettchenweben, wo die Kettfäden durch ein Holzbrettchen mit zwei Löchern verlaufen, durch deren Verdrehen sich das Webfach öffnet, sodass der Schussfaden hindurchgeführt werden kann.

Von alters her wurde sowohl von Frauen als auch Männern gewebt, wobei diese Arbeit aber zumeist dem Aufgabenbereich der Frau zugeordnet war. Frauen galten zu allen Zeiten als sorgfältiger, spiritueller und in engerer Beziehung zu Haus und Natur stehend. Deswegen waren es meist die Frauen im Dorf, die webten, in der Stadt jedoch die Männer, die größere Mengen zum Verkauf herstellten und nicht nur für den eigenen Gebrauch im Haushalt.

In den traditionellen litauischen Familien lernten die Mädchen von klein auf das Weben, Spinnen und Nähen nebst weiteren Arbeiten im Haushalt, damit sie ihren Müttern helfen konnten. Während sie als Hirtenmädchen das Vieh beaufsichtigten, webten sie Gürtel, als Halbwüchsige webten sie Stoffe, Handtücher, Bettbezüge, Laken und Bettdecken. Von Anfang an webten die Mädchen auch für ihre Aussteuer. Denn nicht jeder konnte es sich leisten das zu kaufen, zumal die Heimarbeit haltbarer war. Diese Tradition des Webens für die Aussteuer blieb bis zum Zweiten Weltkrieg lebendig.

Ältere Frauen kümmerten sich darum, dass die Familienmitglieder Kleidung hatten, dass das Haus mit Teppichen, Tischtüchern und Bettdecken geschmückt war. Üblicherweise saßen die Frauen im Frühling während der Fastenzeit am Webstuhl, wenn es nicht viele andere Arbeiten auf dem Hof gab.

Vielfalt an Mustern und Stoffen

Jede Frau vom Lande konnte weben, zumindest die sogenannten einfachen Muster. In wohlhabenderen Höfen gab man einen Teil des Flachses und der Wolle zum Spinnen und Weben an auswärtige Handwerker. Mit dem Spinnen und Weben befassten sich auch Frauen aus Höfen, die kein oder nur wenig Land hatten, sowie ledig gebliebene Frauen. Das Weben war jedenfalls wichtiger als das Stricken.

Um das Weben zu lernen, begann man meist mit Gürteln. Gewebte Gurte gehören zu den ältesten litauischen Geweben überhaupt. Es gibt drei Arten, gewebte, mit Brettchen gewebte und geflochtene. Zur Verwendung kamen Fäden aus Lein, Wolle, Baumwolle und Seide.

Sehr dünne, mit mehreren Schäften gewebte Stoffe, die sogenannten atkočine (nach den im 18. Jh. in Gutshöfen beschäftigen Webern, die in Entlehnung des polnischen tkacz als atkočiai  bezeichnet wurden) wurden bis zum Ende des 19. Jh. für Kopftücher, Tischdecken und Tischtücher benutzt.

Dicker, gewalkter, mit 4, 6 oder 8 Schäften aus Wolle gewebter Stoff, Loden oder dünneres Tuch wurden für warme Oberbekleidung verwendet, aber auch für Bettdecken und Tagesdecken. Wollgewebe wurden entweder in ihrer natürlichen Farbe belassen oder gefärbt.

Muster, Eigenschaften und Aussehen der Stoffe ist sehr variabel, da das von der Anordnung und Verwendung der Schäfte abhängt und den Farben der Fäden. Ethnologen, die sich mit der Volkskunst befassen, haben festgestellt, dass die alten traditionellen Gewebe sich nicht nur durch vollkommene Technik, sondern auch durch zahlreiche Details auszeichnen. Die damaligen Weberinnen brachten es fertig, Muster und Farben aufeinander abzustimmen und vielfältige originelle Muster zu entwerfen, wobei natürlich nicht alle gleichermaßen kreativ waren, viele Frauen vom Land beschränkten sich auf das Weben einfache Muster für grobe Stoffe und Bettzeug, Innenausstattung und Pflegemittel. Diese Muster wurden als Tradition weitergegeben und auch modifiziert.

Noch immer lebendiges Handwerk

Auch wenn es heutzutage jede Menge Maschinen für solche Zwecke gibt, so werden von Hand gewebte Kleidung und Gürtel doch sehr wertgeschätzt. Solche Handarbeit wird oft als Geschenk verwendet oder auch als typisch litauisches Souvenir.

Es ist kein Geheimnis, dass die meisten jüngeren Personen nie mit einem Webstuhl zu tun hatten. Um die Traditionen der Ahnen nicht zu verlieren, gibt es daher verschiedene Bildungsprogramme, an denen nicht nur Bürger unseres Landes sondern auch Gäste aus dem Ausland gern teilnehmen. Zum Beispiel bietet der alte Gutshof Pakruojis bietet an, dieses alte Handwerk auszuprobieren und sich die Aussteuer zu weben.

Weberinnen in der Tradition des ländlichen Handwerks weben Stoffe für Trachten, die darüber hinaus weiter verbreiteten Gürtel und Innenausstattung. In Litauen gibt es derzeit fast 70 zertifizierte traditionelle Weberinnen.

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