Filzen und Walken von Wolle: wiedergeboren in der modernen Modeindustrie

Handwerk der Textilverarbeitung

Es gibt die Legende, dass der erste Teppich auf der Arche Noah entstanden sei, als die Wolle der mitreisenden Schafe auf den Boden fielen, nass wurden und von den Huftieren ordentlich gestampft wurden. Als die Schafe die Arche verließen, blieb ihre Wolle auf dem Deck als Wollteppich zurück. Filzen ist eine der ältesten Techniken zur Herstellung von Stoffen aus Wolle, die bis heute nicht vergessen ist.

Die ersten Erzeugnisse aus Filz

Archäologen datieren die ersten Erzeugnisse aus Filz auf das 6. bis 5. Jh. vor Christus. Beim Fellwechsel wilder Tiere wurden deren Haare eingesammelt und daraus primitive Kleidungsstücke hergestellt. Man wusste, dass man mit einem Schaffell bekleidet sowohl kalte Winter als auch heiße Sommer gut überstand, da Wolle eine natürliche Faser ist, die vor Kälte und Feuchtigkeit schützt. Wolle reguliert die Körpertemperatur, weswegen Filzstiefel aus Wolle gut gegen Kälte und Schwitzen waren.

Nur natürliche Wolle verfilzt sich

Nur natürliche Wolle hat die Eigenschaft sich zu verfilzen, um dadurch Filzstoff herzustellen. Für das Filzen benötigt man kein Spinnrad und keinen Webstuhl. Es handelt sich dabei um einen recht einfachen mechanischen Prozess, aus dem die natürliche Wolle unter dem Einfluss von Nässe, Wärme, Reiben und Druck sich zu einem homogenen Objekt, dem Filz, verbindet.

Filz wird entweder nass mit heißem Wasser und Seife aus Tierwolle hergestellt oder auf trockene Weise, wozu man spezielle Filznadeln benötigt. Bei diesem Prozess werden die Wollfasern aufgebrochen und verhaken sich ineinander, sodass man ein dichtes und homogenes Filz erhält. Das trockene Filzen wird verwendet, um Spielzeug, Schmuck, Puppen und andere Figuren herzustellen. Die nasse Technik kommt bei der Herstellung flacher Objekte zur Verwendung: Tücher, Schals, Kleidung und Bilder.

Wolle zeichnet sich auch durch gute Heilkräfte aus. Wenn man Wolle trägt, verbessert sich beispielsweise der Blutfluss, Entzündungen werden unterdrückt und die Immunität allgemein gestärkt. Interessant ist, dass Peter der Große gern mit Filzstiefeln auf den bloßen Füßen ging. Der russische Zar meinte, dass mit dieses die Füße atmen und die Gesundheit gestärkt wird.

Woher kommt das Wort „milinė“ (Uniformrock)?

Ein weiteres weit verbreitetes Erzeugnis aus Wolle ist Loden. Dabei handelt es sich um normal gewebten dicken Wollstoff, der anschließend durch Walken verfilzt wird. Entweder in den Naturfarben belassen oder gefärbt, konnte das Walken zu Hause oder in einer Walkmühle erfolgen. In Litauen wurde Loden bis in die Mitte des 20. Jh. von den Frauen auf dem Land gewebt und aus dem fertigen Loden warme Oberbekleidung angefertigt (Kittel, Jacken, Mäntel, Anzüge). Archäologische Funde umfassen Fragmente von Loden aus dem 9. bis 12. Jh. Zum ende des 19. und zu Beginn des 20. Jh. trugen auch städtische Arbeiter Loden. Bis zum 19. Jh. war Loden in Litauen einfarbig, zumeist grau, braun oder schwarz, später mit der Verwendung verschiedenfarbiger Fäden beim Weben mit Mustern versehen. Von dem litauischen Wort für Loden („milas“) stammt auch die Bezeichnung des Uniformrocks („milinė“), der aus diesem Stoff gefertigt wurde.

Bis heute nicht vergessenes Handwerk

Auch wenn es heutzutage zahlreiche Materialien gibt, die man gegen Kälte tragen kann, so hat man das Filzen von Wolle doch nicht vergessen. Auch wenn es eine der ältesten Arten von Textilien ist, so erfährt diese doch in der Mode gerade eine Renaissance. Das halb vergessene Handwerk wurde nun in der Modeindustrie wiederentdeckt und das nach alten Techniken hergestellte Filz hat jetzt viele neue Farben bekommen.

Trotz allem ist das Filzen keine leichte Arbeit, für die man Kraft und Ausdauer benötigt. Das langwierige und intensive Walken lässt Arme und Rücken ermüden. Wer sich als Handwerker damit beschäftigt, betont immer wieder, dass man hierfür viel Geduld braucht, wenn man es aber nur gelegentlich zum Zeitvertreib macht, so kann diese Arbeit auch entspannend wirken. Derzeit gibt es in Litauen 31 zertifizierte Handwerker.

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